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Schmerzen beim Musikern.
Dr.med.U.Diethelm, Rheumatologe, CH-8708 Männedorf
Fünf häufige Fehler
Die Erfahrung in der Sprechstunde lehrt: Darüber, was zu tun sei, lässt sich zwischen Arzt und Patient oft nicht ohne weiteres eine Einigung erzielen. Man findet sich eher bei der Frage, was zu unterlassen sei. Wer Schmerzen beim Musizieren spürt, sollte daher fünf Fehler vermeiden.
Verursacht das Spielen eines Instrumentes Schmerzen im Bewegungsapparat, liegen oft Überlastungsbeschwerden oder - objektiv betrachtet - ein Überlastungs-Syndrom vor. Syndrom meint ein Bündel von Befunden und Beschwerden, die bei einer bestimmten Störung mehr oder weniger gesetzmässig auftreten. Als "überlastend" gilt eine Aktivität, sofern anatomische Strukturen wohl auf normale Weise beansprucht werden, aber in einem Ausmass, das die Grenze der biologischen Belastbarkeit überschreitet. Wo diese Grenze verläuft, hängt auch von Alter, Geschlecht, Konstitution, Kondition, musikalischer Schulung und Erfahrung sowie Lebensereignissen und umständen ab.
Der Begriff "Überlastung" liefert ein praktisches Erklärungsmuster. Er birgt jedoch das Risiko in sich, dass die Schmerzen auch in Fällen auf Überlastung zurückgeführt werden, wo dies eben nicht zutrifft. Überlastungs-Syndrome können als Prozess gedacht werden: Am Anfang stehen Gewebeveränderungen, die noch keine Schmerzen hervorrufen, dann folgen zunehmende Schmerzen und Funktionseinbussen, die im schlimmsten Fall in Spielunfähigkeit ausarten.
Messungen bei Berufsgeigerinnen und geigern, die über Schulterschmerzen klagten, haben ergeben, dass ihre Sehnen und Muskeln nach einem dreistündigen Konzert um mehr als 10 % angeschwollen waren. Es konnte danach 48 Stunden dauern, bis die Gewebe wieder abgeschwollen waren. Bei solchen Schwellungen lagert sich Wasser im Gewebe ein. Dadurch nehmen Volumen und Druck zu, was wieder die Aufnahme von Sauerstoff beeinträchtigen und das Gewebe schädigen kann.
1.) Voreilige Schlussfolgerungen
In der Sprechstunde eröffnen schmerzgeplagte Musikerinnen und Musiker das Gespräch häufig mit der Bemerkung, sie würden unter einer Sehnenscheidenentzündung leiden. Liegt tatsächlich eine Sehnenscheidenentzündung vor? Also eine schmerzhafte Schwellung der Hülle der Sehnen an jenen Stellen, wo sie häufigen Richtungsänderungen unterworfen sind? Das muss nicht der Fall sein. Auch Sehnenansätze, Gelenke, Muskeln sowie eingeklemmte oder überdehnte Nerven können Schmerzen auslösen. Oder Muskelverkrampfungen bewirken manchmal, dass der Patient oder die Patientin Schmerzen nicht am Ort ihrer Entstehung empfindet. Schmerzen rühren nicht in jedem Fall von einer mechanischen Überlastung her, sondern können auch Vorboten einer allgemeinen Erkrankung des Bewegungsapparates sein, zum Beispiel einer rheumatischen Gelenkentzündung. Sind sie jedoch die Folge einer Überlastung, kommen auch andere Tätigkeiten als das Musizieren in Frage: Denken Sie an die Arbeit am PC, im Haushalt, oder an den Sport und das Schleppen der Instrumente und Noten.
Zwischen 1981 und 1994 behandelte der Handchirurg Dawson in Chicago 1`354 Instrumentalisten. Rund die Hälfte suchte seine Sprechstunde wegen Unfallfolgen auf. 329 litten unter einem Überlastungs-Syndrom. Nur 147 - also weniger als die Hälfte - entwickelten ihr Überlastungs-Syndrom beim Musizieren.
Achten Sie deshalb darauf, was Sie ausser musizieren sonst im Alltag tun. Sorgfältige Beobachtungen (Wo genau tut es weh ? Schwillt das Gewebe an ? Wann treten die Schmerzen auf ? Klingen sie nach ? Welche Haltungen und Stellungen lindern sie ? usw.) sind für Therapeuten und Ärztinnen Angaben von unschätzbarem Wert. Röntgenaufnahmen liefern nämlich wenig Informationen über den Zustand der Muskeln, Sehnen, Gelenkkapseln, Bänder und anderer Weichteile.
Fixe und fertige Diagnosen und Deutungen erschweren es, dem Schmerzproblem unvoreingenommen auf den Grund zu gehen. Sie stiften eher Verwirrung und lassen sich einmal ausgesprochen nur schwer vertreiben, selbst wenn sie sich im Nachhinein als falsch erweisen.
2.) Mangelnde Nutzung eigener Ressourcen
Echte Überlastungs-Syndrome treten in der Regel dann auf, wenn Musikerinnen und Musiker ihr Instrument häufiger als üblich spielen, zum Beispiel vor Prüfungen und Solorezitalen, während anspruchsvoller Aufführungen und Tournéen, bei gleichzeitigem Mitwirken in verschiedenen Ensembles. Für die einen war die Belastung einfach zu gross. Ihre Beschwerden werden verschwinden, sobald sie auf das frühere Belastungsniveau zurückkehren. Bei anderen macht dadurch eine Störung, die schon lange stumm vorhanden war, durch Schmerzen auf sich aufmerksam. Sie sind das Signal, den Ursachen nachzuspüren und sie zu beseitigen: Wie steht es um meine Technik, das Repertoire ? Ist mein Instrument optimal auf meinen Körper und meine Kräfte abgestimmt ? Trage ich Sorge zu meinem Körper, ist er mein Bruder oder mein Sklave ? Im Buch "Berufsbedingte Erkrankungen bei Musikern" (Springer Verlag, Berlin, Heidelberg 2000) schreiben die Autorinnen und Autoren:
Der Musiker sollte Vorboten wie Schweregefühl beim Halten des Instrumentes, Brennen zwischen den Schulterblättern beim Spiel oder sonstige negative Gefühlssensationen stets beachten. Sie sind wichtige Warnsignale des Körpers. Die Aufgabe des Musikerarztes besteht also darin, seinem Patienten zu einem besseren Körpergefühl zu verhelfen, so dass dieser die Bedürfnisse seines Körpers wahrnimmt und sich entsprechend verhält.
Was auch immer die Ursachen der Schwierigkeiten sind. Die Hauptarbeit zu deren Bewältigung müssen Sie als Patientin oder Patient selbst leisten. Überlastungs-Syndrome lassen sich in der Regel weder wegmassieren noch wegoperieren.
3.) Gefährliches Zuwarten
Dauern Schmerzen an oder kehren sie häufig zurück, entwickelt der Mensch unnatürliche Bewegungs- und Haltungsmuster, um den Schmerzen auszuweichen. Daraus entstehen neue Überlastungen, bisweilen weit entfernt vom Ort der ursprünglichen Störung. Anhaltende Schmerzen verändern zudem die Art und Weise, wie das Nervensystem Schmerz leitet und verarbeitet. Im übertragenen Sinn wird das Nervensystem geschult, Schmerzen zusehends wirksamer wahrzunehmen. Es kann sich ein sogenanntes Schmerzgedächtnis ausbilden, das heisst im Extremfall, dass man unter Schmerzen leidet, obschon die ursprüngliche Gewebeschädigung nicht mehr besteht. Auf einer weiteren Ebene beeinflussen Schmerzen auch das Gemüt, die Gedanken über den eigenen Körper und das Verhalten. Das wirkt sich auf die Mitmenschen auf. Sie reagieren unterschiedlich auf die ihnen fremden Schmerzen, was sich im Umgang mit dem schmerzgeplagten Bekannten niederschlägt.
Als 1998 das Symphonie Orchester von Adelaide "Der Ring des Nibelungen" von Richard Wagner aufführte, stand den 96 Musikerinnen und Musikern während der vierwöchigen Proben und den zwei Wochen Aufführungen eine Physiotherapie neben den Proberäumen zur Verfügung. Dreissig Mitglieder des Orchesters benutzten das Angebot. Die Physiotherapeuten benötigten im Durchschnitt 1 bis 2 Behandlungen pro schmerzhafte Körperregion. Mit Ausnahme einer Geigerin, die wegen eingeklemmter Schultersehnen operiert werden musste, konnten alle die geforderten Proben und Aufführungen absolvieren.
Die Betroffenen wurden auch gefragt, welche Umstände in ihren Augen die Beschwerden ausgelöst oder deutlich verstärkt hätten? Am häufigsten nannten sie: unkomfortables und allzu langes Sitzen; zuwenig Raum im Orchestergraben; ungünstige Körperhaltung aus Rücksicht auf den Pultnachbarn; zu wenig Pausen bei den Proben; Aufführungsängste und Stress; das Schleppen der schweren Instrumente.
Schmerzen zu behandeln, die schon Monate, vielleicht Jahre dauern, ist erfahrungs-gemäss schwieriger und weniger erfolgreich als solche, die neu aufgetreten sind.
4.) Zu enge oder zu weite Sicht
Viele Wege führen nach Rom. Doch in diesem Wegnetz kann sich einer auch verlaufen. Tritt ein Überlastungs-Syndrom auf, sollte man erst sorgfältig nach den Ursachen forschen, statt sich - Hals über Kopf - auf dessen Behandlung zu stürzen. Hilfreich ist es, zwischen Risikofaktoren und auslösende Faktoren zu unterscheiden. Behält man allein die schmerzhafte Stelle im Auge, rächt sich diese enge Sicht meistens in Form wiederkehrender Beschwerden. Es gibt Ursachenketten, die nicht auf den ersten Blick einleuchten und deshalb nicht erkannt werden; so zum Beispiel Störungen in den Kiefergelenken als Folge von Zahnerkrankungen, die mit Kopfschmerzen, Ohrensausen und Nackenverspannungen einhergehen.
Man kann aber auch zu weit suchen und die Misere ausschliesslich der Unverträglichkeit irgendeines Nahrungsmittels, einer Vergiftung, zwischenmenschlichen Spannungen oder etwas Ähnlichem anlasten. Die genannten Ursachen haben einen gemeinsamen Nenner: Sie lassen sich entweder überhaupt nicht oder dann nur mit riesigem Aufwand beeinflussen. Dadurch werden naheliegende und nötige Behandlungschancen vertan. Besonders ungünstig ist, wenn deswegen ein eingeklemmten Nerven erst mit Verzögerung befreit wird. Denn Nerven erholen sich oft nicht vollständig.
Die Hand ist nicht nur ein Werkzeug sondern auch ein Sinnesorgan. So schreibt der amerikanische Musikerarzt Richard Norris (The Musician`s Survival Manual, ICSOM, MMB Music, Inc. St.Louis 1993) über die Behandlung der häufigen Einklemmung des mittleren Handnerven, dem so genannten Karpaltunnel-Syndrom:
"Ich bin nicht Chirurg und selbstverständlich überweise ich die Patienten nicht voreilig zur Operation. Aber, gibt es Zeichen von Muskelschwund, oder sind Schmerzen, Kribbeln und Taubheitsgefühl so ausgeprägt, dass Musizieren und Alltagsaktivitäten unmöglich werden, oder die konservativen Behandlungsmittel zeigen nicht innerhalb sechs Wochen Erfolg, ist die Vorstellung beim Chirurgen nötig. Die operative Befreiung des Nerven gibt mit hoher Wahrscheinlichkeit ein gutes Ergebnis, und Komplikationen sind ausgesprochen selten."
Obschon die Verunsicherung verständlicherweise meistens gross ist und Veränderungen in den Weichteilen des Bewegungsapparates in vielen Fällen nicht mit Fakten wie zum Beispiel Laboruntersuchungen oder Röntgenaufnahmen erhärtet werden können, sollte man die vorgeschlagenen Massnahmen mit gesunden Menschenverstand beurteilen.
5.) Viel hilft viel
Haben Sie sich entschieden, Hilfe zu suchen und anzunehmen, empfiehlt es sich, nach einer möglichst genauen Diagnose einen Behandlungsplan aufzustellen. Er stimmt die verschiedenen Therapien aufeinander ab und definiert Zeiträume, in denen gewisse Ziele erreicht werden sollten. Aus gut nachvollziehbaren Gründen wollen Sie das mit grossem Einsatz Geübte nicht verlieren und wehren sich dagegen, die betroffene Körpergegend ruhig zu stellen. Kaum sind die Schmerzen abgeklungen, nehmen Sie das Instrument wieder hervor, und schon melden sich die Schmerzen zurück.
In solchen Situationen bekommen es manche Patienten mit der Angst zu tun. Sie beginnen, gleichzeitig bei verschiedenen Therapeuten Heilung zu suchen. Ganz zu schweigen von den Heilern, die sich im Besitz der wahren und einzigen Therapie wähnen. Wohlmeinend tragen Bekannte unter Umständen zu dieser hektischen Wanderschaft bei.
Charlotte H. Hurni, die an Multipler Sklerose erkrankt ist, beschreibt die Situation treffend im Magazin des Tages Anzeigers Nr.44 (3. 9.11.2001):
"Ständig werde ich mit irgendwelchen Tipps und garantiert sicheren Heilmethoden eingedeckt. Das stresst und überfordert mich, denn erstens sind die Leute enttäuscht, wenn ich auf ihre Ratschläge nicht einsteige, und ich muss mich rechtfertigen sie wollen schliesslich helfen und aktiv der Ohnmacht etwas entgegensetzen. Zweitens weiss ich selber nicht, was ich aus dem riesigen Angebot ausprobieren soll. Zusätzlich anstrengend ist die immer wieder frisch geschürte Hoffnung und die oft darauf folgende Enttäuschung."
Ein Teil der Schmerzen entsteht, weil zu viel Kraft aufgewendet wird. In der Regel machen Sie nichts falsch, wenn Sie die Zeit nutzen und sich Verfahren aneignen oder vertiefen, die wie die Techniken von Alexander und Feldenkrais, Kinesiologie oder Yoga und andere mehr geeignet sind, Körpersignale besser wahrzunehmen und einen bewussteren Umgang mit sich selbst zu fördern. Ebenfalls ratsam ist, regelmässig Sport zu treiben. Dabei ist es wichtig, die Intensität langsam zu steigern. Therapien zur Kräftigung von Rumpf und Schultergürtel können sinnvoll sein. Eher kontraproduktiv ist es, bloss Kraft in den Muskeln der Hände zu trainieren.
Was auch immer Sie tun. Nehmen Sie sich vor, ihr Instrument völlig schmerzfrei zu spielen. Spielen Sie deshalb anfänglich bloss fünf Minuten, gefolgt von einer stündigen Pause. Steigern Sie danach im Abstand von wenigen Tagen die Zeit am Instrument vorsichtig. Die langen Pausen bieten Gelegenheit, die Muskeln zu dehnen sowie Lockerungs- und Entspannungshaltungen einzuüben. Sie werden Ihnen später helfen, während kurzer Spielunterbrüche den beanspruchten Geweben optimale Erholung zu gewähren.
Dr.med.U.Diethelm, Rheumatologe, CH-8708 Männedorf,
Mitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Musik-Medizin ( SMM ) Haus Tromboasis, Rumiweg 4, CH-4539 Farnern
www.musik-medizin.ch
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