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Abstracts


16. Symposium SMM/SIS > Warnsignal Schmerz <

27. Oktober 2018 im Marianischen Saal in Luzern

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Vorträge

"Schmerz als existentielle Erfahrung"

Stefan Büchi (Prof. Dr. med.)

Menschsein ist von der Geburt bis zum Tod mit schmerzlichen Erfahrungen verbunden. Schmerz weist auf eine bedrohte Intaktheit der Person als ein bio-psycho-soziales Wesen hin und kann durch körperliche, psychologische aber auch soziale Reize ausgelöst werden. Die moderne Schmerzforschung zeigt auf, dass die sogenannte Schmerzmatrix die neuronale Basis des Schmerzerlebens darstellt, in der die verschiedenartigen Impulse in interdependenter und äusserst komplexer Weise verarbeitet werden. Schmerz ist daher nie ein isoliert zu betrachtendes körperliches Phänomen, sondern eine Grunderfahrung, die gleichermassen kognitive, emotionale und soziale Aspekte beinhaltet. Im Referat werden die Konsequenzen dieses Schmerzverständnisses für die Therapie diskutiert.


„Wenn das Musizieren schmerzt – Überlastungsbeschwerden und chronische Schmerzen bei Musikern“

Anke Steinmetz (Priv.-Doz. Dr. med.)

Musiker stellen aufgrund ihrer beruflichen Anforderungen eine spezifische Berufsgruppe mit besonderen Belastungen und daraus resultierend hohen Erkrankungsrisiken dar. Bis zu 80% professioneller Musiker beschreiben Beschwerden, die sie in ihrer Berufsausübung einschränken. Der Hauptanteil dieser Beschwerden liegt im Bereich des muskuloskeletalen Systems und geht meist mit Schmerzen einher.

Neben einseitigen und oft lang andauernden statischen Belastungen spielen auch instrumentenspezifische und ergonomische Aspekte eine wichtige Rolle in der Schmerzentwicklung. Diese zu (er)kennen ist für die Diagnostik und Therapie von Musikern essentiell. Schmerzen sind häufig Folge muskuläre Dysfunktionsmuster und führen zur Störung automatisierter Bewegungsmuster, wodurch Musiker relativ schnell auch in ihrer Aufführungsqualität eingeschränkt werden. Durch Behandlungskonzepte der Manuellen Medizin, kann hier insbesondere Musikern nachhaltig geholfen und eine Chronifizierung vermieden werden. Im Rahmen von Chronifizierungsprozessen ist außerdem die hohe psycho-emotionale Belastung des Musikerberufs zu berücksichtigen und in die Therapie zu integrieren. Die erfolgreiche Therapie chronischer Schmerzsyndrome erfordert in der Regel multimodale interdisziplinäre Behandlungskonzepte.

Achtung: Dr. Anke Steinmetz ist leider erkrankt. Das beschriebene Thema wird freundlicherweise übernommen von Dr. med. Katja Regenspurger , Universitätsklinikum Halle (Saale)

Abteilungsleiterin Konservative Orthopädie und Physikalische Medizin
Fachärztin für Physikalische und Rehabilitative Medizin,
Manuelle Therapie, Sportmedizin, Spezielle Schmerztherapie


"Faszination Faszien"
Aktuelle Erkenntnisse der internationalen Bindegewebsforschung

mit Relevanz für die Musik-Medizin

Robert Schleip (Dr. biol. zum.)

Das ehemalige Aschenputtel-Organ der muskuloskeletalen Medizin – das fasziale Bindegewebe - erlebt derzeit eine Flut an forschungsbasierten Neuentdeckungen verbunden mit einer internationalen Aufbruchsstimmung. Viele der gewonnenen neuen Einsichten sind auch für die Musikmedizin sowie die Schmerztherapie interessant.

Der Vortrag beleuchtet hierzu unter anderem:
  • Myofasziale Ketten: Welche davon sind evidenzbasiert? Welche neuen anatomischen Updates sollte man zur Kenntnis nehmen?
  • Faszien als elastische Federn. Wie kann man die kinetische Energiespeicher-Kapazität der Faszien fördern und erhalten?
  • Tensegrity-Konzept in Bewegung: Die wichtige Rolle der Feinjustierung der jeweils passenden Resonanz-Frequenz
  • Präventives Faszientraining: Wie kann man gegen Überlastungsschäden am wirkungsvollsten vorbeugen?
  • Faszien als Sinnesorgan: Die Rolle der faszialen Mechanorezeptoren für die propriozeptive Körperwahrnehmung.



Workshops - Fälle aus der Praxis


"Schmerzen im Musikeralltag – Beispiele praktischer Anleitung zur Selbsthilfe" Musikersprechstunde ZHdK Zürich

Horst Hildebrandt (Prof. Dr. med., MA Violine), Oliver Margulies (Dr., MA Violine&Viola, MAS Musikphysiologie) und Marta Nemcova (Dr., MA Cembalo, MAS Musikphysiologie)

Den Löwenanteil der Schmerzauslöser bei Musikern machen bis heute die mit ungünstiger Muskelspannung verbundenen muskulo-faszialen Dysbalancen und psychosomatische Belastungssituationen incl. übermässigen Lampenfiebers aus. Dabei spielt häufig ein Missverhältnis von Belastung und Belastbarkeit im Rahmen von Intensivprojekten und beruflichen und privaten Stressphasen eine wichtige Rolle. Zahlreichen Verursachern muskulärer Dysbalancen und Überspannungen steht ein wachsendes Repertoire von Selbsthilfemöglichkeiten gegenüber. Dazu gehört neben so genannten Engpassdehnungen und Selbstmassagetechniken ein optimiertes Zusammenwirken von feinmotorischen Komponenten mit einer geordneten Stütz- bzw. Haltungsmotorik.

„Vom Pathos zur Pathologie“

Musikersprechstunde Luzerner Kantonsspital

Urs Schlumpf (Dr. med.), Beate Walter (Dipl. - Physiotherapeutin), Katja Bucher (Dipl. - Physiotherapeutin)

Anhand von illustrativen Falldarstellungen aus der Musikersprechstunde werden Patienten mit berufsspezifischen Krankheitsbildern vorgestellt, bei denen die schmerzhafte Erstmanifestation zu einer relevanten funktionellen Einschränkung bei der Berufsausübung führte. Typische Überlastungssyndrome, haltungsbedingte Leiden, auch konstitutionell verursachte Schmerzzustände (kleine Hände, angeborene Bindegewebsschwäche, Hyperlaxität) werden bei Musikern aus verschiedenen Instrumentengruppen (Tasten-, Zupf-, Holzblas-, Streichinstrumente, Schlagzeug) vorgestellt. Mit zunehmendem Alter werden altersphysiologisch bedingte Veränderungen an besonders beanspruchten muskuloskelettalen Strukturen (Fingergelenke, Schultergürtel, Halswirbelsäule) zu schmerzhaften Befunden führen, die die feinmotorische Geschicklichkeit und die Leichtigkeit des Bewegungsflusses reduzieren. Die kraftaufwändigen Anforderungen am Musikinstrument wie die aufrechte Rumpfhaltung auf einer Orgelbank, der erhöhte Tastenniederdruck beim Spiel auf einer Drehleier oder auf einer kleinen Diskantgambe, das unabgestützte Halten eines Blasinstrumentes (Klarinette) über längere Zeit, aber ebenso der erhöhte Ausdauerkraftaufwand am Schlagzeug mit hart bespannten Drums können aus evidenten Gründen leicht zu schmerzhaften Affektionen am Bewegungsapparat führen. Nicht selten liegen diese Probleme nicht nur im instrumentaltechnischen Bereich, sondern sind auch instrumentalmethodisch
bedingt. Lokal muskuläre Überforderungen vermischen sich dann mit technischen Fehlern und geben somit Anlass zu schmerzhaften Manifestationen mit chronischem Charakter. Eine nachhaltige Rehabilitation bei muskuloskelettalen Musikerleiden erfordert eine interdisziplinäre Vorgehensweise, bei der der diagnostizierende Arzt, die behandelnde Physio- oder Ergotherapeutin und der zuständige Musikpädagoge zu einer unité de doctrine gelangen.